Bunker now #3

TARNRASEN

CATRIN BOLT

kuratiert von Victoria Dejaco

Bunker now #3 catrin bolt

Eröffnung: 28.10.2017 – 15 Uhr
Ort: Bunker Nr. 15, Bozen Süd, Enrico Mattei Str.

ARTIST STATEMENT:

Der Hügel inmitten des Autobahn- und Schnellstraßendreiecks in Südbozen lässt nichts von dem darunterliegenden Bunker vermuten. Mit Gras und Sträuchern überwachsen tarnt er den Bunker perfekt.

Als Künstlerin, die sich mit den politischen Dimensionen unserer Alltagsräume auseinandersetzt wurde ich eingeladen um künstlerisch auf den darunterliegenden Bunker aufmerksam zu machen. Den Hügel, also Natur, nochmal zu tarnen, ist im ersten Moment absurd. Ein Grashügel, der sich camouflagiert. Eine Weiterführung der Absurdität des Vergessens im Umgang mit dem historischen Erbe, also das Vergessen tarnen. So soll der Hügel in drei Etappen auf unterschiedliche Weise aufgelöst werden oder verschwinden. Über diese Tarnung wird er allerdings erst sichtbar.

In der ersten Gestaltung, “dazzle” wird er in seiner Einheit zerlegt und geht je nach Blickwinkel und Lichtsituation, teils in die Umgebung über. Abgesehen von dem optischen Effekt erinnern die Muster an Straßenmarkierungen – Linien, die sich systematisch durch die Landschaft ziehen und diese über ihren funktionalen Aspekt für sich einnehmen.

In einer weiteren Gestaltung wird ein klassisches Camouflagemuster angebracht, das ihn als “Natur” tarnen soll, und in der dritten Etappe wird der Hügel gänzlich „ausgepixelt“, wie das üblich ist für unzugängliches Territorium auf Google Earth, beispielsweise Militäranlagen.

Text & Foto: © Catrin Bolt

Pressetext:

In Südtirol befinden sich über 450 Bunker, militärische Anlagen und Wehrbauten aus dem Zweiten Weltkrieg, die Italien gegen Deutschland, den eigenen Alliierten, schützen sollten. Dieser Krieg hat sich, durch die schwerwiegenderen Konsequenzen für die lokale Bevölkerung, tiefer in die Geschichte der Region eingeschrieben als der erste. Verständlich, dass die Öffentlichkeit mit verhaltener Begeisterung und offener Ablehnung diesem Erbe gegenübersteht.

Doch diese Güter in Vergessenheit geraten zu lassen, sie auszulöschen oder aus den Augen zu wünschen läuft Gefahr Geschichte zu beschönigen. Wir sehen uns vor einem ähnlichen Dilemma wie die Vereinigten Staaten mit den Denkmälern der Konföderierten. Es muss Wege geben, die abscheulichsten Momente der Geschichte in Erinnerung zu behalten, ohne sie zu verleugnen oder zu glorifizieren. Das passiert durch Kontextualisierung, Bildung und kritische Auseinandersetzung um Bewusstsein zu schaffen.

Die Kuratorin Victoria Dejaco wurde vom Verein Kasematte Bunkerforum eingeladen, zu diesem Thema einen Beitrag zu leisten. Dafür wurde als Ort der Bunker 15 an der Autobahnausfahrt Süd in Bozen wurde für eine Intervention der Künstlerin Catrin Bolt bereits 2016 ausgewählt. Die Künstlerin realisierte bereits Mahnmale in Graz (2013) und Wien (2914) zur jüdischen Geschichte dieser Städte im Zweiten Weltkrieg und war prädestiniert für diesen Auftrag. 2015 gewann sie den Otto Maurer Preis, den renommiertesten Preis für junge Kunst in Österreich.

Der Bunker 15 an der Autobahnausfahrt Süd bei der SS12 wurde in den 90er Jahren im Zuge der MeBo Bauarbeiten unter einem Erdhügel begraben. Er ist Teil von einem Gesamtgefüge. Sein Zwillingsbau ist noch unversehrt und freistehend einige Hundert Meter weiter östlich.  Passend zum Umstand des Bunkers, der nun verschüttet ist, hat sich Catrin Bolt in ihrem Projekt mit Verstecken und Camouflage befasst. Das gesamte Areal wird mit Camouflagemustern aus Rasenmarkierungsfarben gestaltet werden, um die Blicke der Vorbeifahrenden auf sich zu ziehen. Die militärische Funktion des Versteckens wird somit ins Gegenteil verkehrt. Geplant ist den Hügel drei Mal umzugestalten in den nächsten Monaten. Einmal mit dem üblichen militärischen Camouflagemuster, einmal mit dem Dazzle-Effekt, einem Muster, das die Form von Objekten irritierend dekonstruiert und ein Muster der Tech-Ära: dem „Auspixeln“ wie es von Google Maps benutzt wird um (militärische) Territorien unerkennbar zu machen. Die Intervention wird das bedeutendste Werk von Land Art, das in Südtirol je umgesetzt wurde.

Victoria Dejaco
Graz, 22.10.2017

CATRIN BOLT
geb. 1979 in Friesach / Österreich, lebt und arbeitet in Wien / Österreich.
Ausbildung und Aktivitäten:
1997 – 2003 Studium an der Akademie der Bildenden Künste Wien (Diplom)
1999 – 2003 Zusammenarbeit mit Marlene Haring als Halt+Boring
Preise und Förderungen:
2015 – Otto Mauer-Preis 2015 – 1. Platz für die Umsetzung der Ehrenmäler für Marie Jahoda und Elise Richter, Wettbewerb der Universität Wien zur Ehrung von Wissenschafterinnen im Arkadenhof
2014 – 1. Platz, Wettbewerb Film zum Stollen Gusen in St.Georgen, BIG Art (AUT)
Workshops und Stipendien:
2016 – Stipendium für Video- und Medienkunst, Yogyakarta (IND)
2013 – “Curator´s Network“, Kunsthalle Exnergasse, Wien (AUT)
Projekte in Eigeninitiative:
2015 – georgisch-österreichische Ausstellung, organisiert und kuratiert gemeinsam mit Giorgi Okropiridse, galerie nectar, Tbilisi (GEO) und D.U.O., Wien (AUT)
2013/14 – internationales Symposion und Ausstellung im Madonnenschlössl, in Zusammenarbeit mit Edith Payer, Madonnenschlössl, Bernstein und Kunstraum Schauplatz, Wien (AT)
Einzelausstellungen und permanente Präsentationen im öffentlichen Raum:
2017 – „kapitalistischer Imperativ“, Rhizom, Graz (AUT) „Analgeburt“, Neue Galerie, Innsbruck (AUT)
2016 – „Holz bunt“, A307, eingeladen von Eric Kläring, Wien (AUT) „Sandstrahlbilder“, Ehrenmäler für Marie Jahoda und Elise Richter, Arkadenhof der Universität Wien, Wien (AUT)
„Pameran satu hari“, Sewon Art Space, Yogyakarta (IND)

Dieses Projekt wurde möglich durch die freundliche Unterstützung von: